Stellungnamen zum Brief von Helga Lezius
Eine Schulleiterin schrieb (möchte anonym bleiben):
“Liebe Frau Lezius,
Ihr Brief spricht mir aus der Seele. Lieber würde ich von heute auf morgen den individuellen Lernfortschritt festhalten, anstatt weiterhin Noten geben zu müssen. Leider ist es aber mit dem Verzicht auf Noten nicht getan. Auch die Selektion nach Klasse 4 müsste zeitgleich abgeschafft werden. Sehr viel Druck, der auf unseren Kindern lastet, kommt daher, dass die Eltern schon frühzeitig die Leistungen der Kinder im Hinblick auf die Aufnahme im privaten Gymnasium... sehen. Sie stehen selbst unter erheblichem Druck. Bei alleiniger Abschaffung der Noten würde es bedeuten, dass Eltern verunsichert wären und fragen würden, ob das Kind beim festgestellten Leistungsstand denn Aussichten auf....hätte. Nicht nur die Kinder haben Angst, auch ihre Eltern - oft ein Teufelskreis.
Trotzdem - ich teile voll und ganz Ihre Meinung. Vielen Dank für Ihre Initiative, den Brief zu veröffentlichen.
Mit freundlichem Grüßen”
Antwort von Helga Lezius:
Liebe Frau Schulleiterin, mein Hilferuf hat bis heute keine weiteren Reaktionen bewirkt - um so mehr hab ich mich über Ihren Brief gefreut! Auch ich teile voll und ganz Ihre Meinung – nicht nur die Kinder haben Angst, auch ihre Eltern! Vielleicht die zuerst. Sie haben ja selbst schon die Schulzeit erlebt, erinnern sich an Ängste, an Erwartungshaltungen ihrer Eltern und Lehrer und geben ihre Erfahrungen bewusst oder unbewusst weiter. Kinder sind Seismographen, wenn es darum geht, Stimmungen und Gefühle der Eltern aufzunehmen. Dabei meine ich nicht, dass Erwartungshaltungen grundsätzlich negativ zu bewerten sind. Sie können Selbstvertrauen und Anstrengungsbereitschaft eines Kindes erheblich fördern, ja sie sind notwendig, um dem Kind zu sagen, wie sehr es mit seinen Bemühungen gesehen wird, wie wichtig seine Bemühungen genommen werden, wie wichtig es selbst genommen wird. Die Eltern trauen ihrem Kind zu, dass es etwas schafft. Mehr nicht. Und auch nicht weniger. Sie fordern nicht bestimmte Ergebnisse ein, sondern freuen sich mit, wenn sie gut ausfallen, trösten und unterstützen, wenn es daneben geht. Sie überfordern nicht. Aber alle guten Vorsätze gehen dahin, wenn der Übertritt naht. Und er naht, wie Sie sagen, viel zu früh. Die ganze Verantwortung der Entscheidung lastet auf den Eltern. Und sie geben den Druck an die Kinder weiter. Jugendliche, die bis zur 8.Klasse gemeinsam unterrichtet wurden, können sich und ihre Neigungen, ihre Begabungen wesentlich besser einschätzen, können mit Eltern und Lehrkräften die Richtung besprechen und erkennen, welcher Weg ihnen am meisten entspricht. Deshalb sollten wir alles unterstützen, was „Eine Schule für alle“ ohne Selektion und Sitzenbleiben weiter auf den Weg bringt. Positive, nachahmenswerte Beispiele gibt es genug in vielen europäischen Ländern um uns herum, aber auch in Jenaplan- Schulen, in Montessori-Schulen in Deutschland. Woran mag es liegen, dass die Staatsschule nicht bereit oder fähig ist, das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt aller Schul-Arbeit zu stellen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Und das verwirrt und macht oft sprachlos. Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir laut werden, dass wir unsere Meinung immer und immer wieder kund tun. Dass wir nicht aufhören, eine Schule zu fordern, die in allen Überlegungen vom Kind aus geht und nicht von Vorstellungen aus Verwaltung, Ministerien, Wirtschaft und Politik bestimmt wird. Dass wir unser Erschrecken sichtbar, hörbar werden lassen über die Abwesenheit von Pädagogik an unsren Schulen. Dass wir nicht aufhören, „von unten“ initiativ zu werden. Deshalb besonderen Dank für Ihr Mit-teilen, für Ihre Bestärkung! Mit vielen guten Wünschen Helga Lezius
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